Auch wenn in Zeiten der Digitalisierung ein Papierdokument vielleicht etwas „aus der Zeit gefallen“ anmutet – dem Gesundheits-Pass Diabetes kommt nach wie vor eine wichtige Rolle zu. Er ist so wichtig, weil er die einzige Stelle ist, an der ein Mensch mit Diabetes selbst die Rahmenbedingungen seiner Diabeteseinstellung überprüfen kann. Der Gesundheits-Pass Diabetes kann als Checkliste dafür eingesetzt werden, ob die grundsätzlich wichtigen Kontrolluntersuchungen bzgl. des Diabetes durchgeführt worden sind und welche Ergebnisse sie im Einzelnen erbracht haben.
Inhalt des Gesundheits-Passes
Die Hinweise für die Untersuchungen auf Folgeerkrankungen finden sich vor allem im unteren Teil der jeweils für ein Jahr vorgesehenen Doppelseite: die Untersuchungen bzgl. der mikroangiopathischen Folgeerkrankungen beziehen sich auf Nephropathie, Retinopathie, Neuropathie.
Nephropatie als Folgeerkrankung
Im Hinblick auf die Nephropathie („Nierenschädigung) „sollte einmal jährlich eine Bestimmung des Kreatininwertes mit Berechnung der „Glomerulären Filtrationsrate“ (Abkürzung eGFR) durchgeführt werden; ergänzend dazu eine Bestimmung der Mikroalbuminurie (kleine Ausscheidung einer speziellen Eiweißmenge), die als ganz früher Hinweis auf eine beginnende Nierenveränderung durch den Diabetes gilt. Diese Untersuchungen sollten auch durchgeführt werden, wenn es um die Planung einer Schwangerschaft bzw. die Realisierung eines Kinderwunsches geht.
Spätestens bei Vorliegen einer Mikoralbuminurie muss unbedingt ein erhöhter Blutdruck ausgeschlossen werden. Er ist im Prinzip für alle Folgeerkrankungen des Diabetes ein massiver Beschleunigungsfaktor.
Retinopatie als Folgeerkrankung
Die Diagnose einer Retinopathie (Augenveränderung durch den Diabetes) kann nur der Augenarzt durch eine Untersuchung des Augenhintergrundes bei weitgetropfter Pupille stellen; sie soll einmal im Jahr durchgeführt werden. Vom jährlichen Untersuchungsintervall kann nur abgewichen werden, wenn die Diabetesdauer relativ kurz, die Diabeteseinstellung sehr gut ist und keinerlei weitere Risikofaktoren (wie z.B. ein erhöhter Blutdruck) vorliegen. Wenn ein Diabetes erstmals im Erwachsenenalter (unabhängig vom Typ des Diabetes) festgestellt wird, soll der Betroffene sofort auch beim Augenarzt vorgestellt werden. Man weiß ja nicht genau, ob der Diabetes unerkannt vielleicht schon einige Zeit vor der Diagnose bestanden und Schäden hinterlassen hat. Bei Kindern mit Diabetes soll die erste augenärztliche Untersuchung (spätestens) nach 5 Jahren Diabetesdauer bzw. im Alter von 11 Jahren durchgeführt werden, weil sich manchmal Augenveränderungen zu Beginn der Pubertät relativ rasch entwickeln.
Retinopathie und Schwangerschaft
Auch einen besonderen Anlass für eine augenärztliche Untersuchung stellt die Planung einer Schwangerschaft dar, weil sich in der Schwangerschaft eine Retinopathie verschlechtern kann. Routinemäßig soll auch in jedem Schwangerschaftsdrittel eine Untersuchung beim Augenarzt stattfinden und auch nach Beendigung der Schwangerschaft der Augenhintergrund kontrolliert werden. Liegen bereits Augenveränderungen durch einen Diabetes vor, muss der Augenarzt über die Untersuchungsabstände in der Schwangerschaft entscheiden. Übrigens sollte auch in der Schwangerschaft der Augenhintergrund bei weitgetropfter Pupille untersucht werden; die Schwangerschaft stellt keinen Hinderungsgrund dar.
Neuropathie als Folgeerkrankung
Die Diagnose einer Neuropathie (Nervenschädigung) hingegen kann der Diabetologe mit seinen Alltagswerkzeugen stellen: Stimmgabel, Temperatur- und Spitz-Stumpf-Unterscheidung, Neurofilament-Wahrnehmung und die Muskeleigenreflexe an den unteren Extremitäten. Die Feststellung einer Neuropathie hat weitreichende Konsequenzen: sie ist nicht nur eine zusätzliche Diagnose, sondern bedeutet für den Betroffenen, dass er möglicherweise nicht mehr alles spürt, was an seinen Füßen passiert. Damit steigt das Risiko für unbemerkte Fußverletzungen, aus denen sich in Verbindung mit weiteren Folgeerkrankungen weitreichende schwere Erkrankungen (bis hin zum Extremitätenverlust) entwickeln können. Bei Vorliegen einer Neuropathie sollen deshalb die Füße nicht nur einmal im Jahr untersucht, sondern in jedem Quartal zumindest angesehen werden. Zusammenfassend bedeutet das, dass die Diagnose einer Neuropathie ganz praktische Auswirkungen auf das Alltagsleben hat: die gestörte Sensibiltät durch bewusste Beobachtung zu ersetzen!
Periphere Neuropathie als mögliche Folgeerkrankung
Die Diagnostik der peripheren Neuropathie kann gut mit einer körperlichen Untersuchung kombiniert werden; auch sie sollte einmal im Jahr durchgeführt werden. Manchmal findet der Arzt dabei Befunde, die Schwierigkeiten bei der Diabetesbehandlung erklären können (z. B. Blutzucker-Schwankungen durch unterschiedliche Insulinwirkung, die auf Veränderungen an den Spritzstellen zurückzuführen sind). Bei der Untersuchung werden auch an den verschiedenen Stellen des Körpers die Pulse getastet, um zumindest gewisse Hinweise auf Durchblutungsstörungen zu erfassen.
Makroangiopathische Folgeerkrankungen
Ein Diabetes mellitus kann allerdings auch Folgen für die Durchblutung wichtiger Organe haben: Herz, Gehirn und Beine/Füße. Man bezeichnet sie als makroangiopathische Folgeerkrankungen. Diese Veränderungen sind schwieriger zu erfassen, weil zu ihrer Feststellung aufwendigere Untersuchungsverfahren erforderlich sind. Risikofaktoren für die Entwicklung dieser Erkrankungen werden aber im Gesundheits-Pass Diabetes ebenfalls erfasst: Gesamtcholesterin, gutes (HDL-) und gefährliches (LDL-) Cholesterin und die Triglyceride sollen bei Menschen mit Diabetes mindestens einmal im Jahr untersucht werden.
Fazit
Eine gute Stoffwechseleinstellung ist wichtig, um Folgeerkrankungen möglichst zu vermeiden; die Feststellung von mikro- und makroangiopathischen Folgeerkrankungen (oder ihrer Vorstufen) kann für den Betroffenen demotivierend und enttäuschend sein – aber sie ist wichtig, um die weitere Entwicklung der Folgeerkrankungen möglichst früh stoppen zu können.
Autor: Dr. Bernhard Lippmann-Grob
Facharzt für Innere Medizin mit den Zusatzbezeichnungen Diabetologie und Medizinhygiene; Risikomanager nach ÖNORM 4903; E-Learning-Autor


