„Lieber niedrig als hoch?“ – warum ich diesem Diabetes-Narrativ widerspreche

Durch ihre Zeit in der Online-Diabetes-Community hat Valentina angefangen, ihren eigenen Umgang mit Typ-1-Diabetes neu zu hinterfragen. In diesem Artikel berichtet sie von ihrer Sicht auf die Blutzuckerwerte.

Foto von Valentina mit eingeblendetem Blutzuckert

Wie ich den Blutzuckerwert einschätze (Valentina Lukic)

Durch meine Zeit in der Online-Diabetes-Community habe ich angefangen, meinen eigenen Umgang mit Typ-1-Diabetes neu zu hinterfragen. Nicht, weil ich plötzlich unsicher war, sondern weil mir auf Social Media immer wieder Accounts begegneten, die sehr konsequent die Untergrenze ihres Zielbereichs anstrebten oder regelmäßig von schweren Unterzuckerungen berichteten – oft mehrmals wöchentlich.

Das hat in mir weniger Bewunderung als Sorge ausgelöst. Sorge um die jeweilige Person. Und die ehrliche Frage: Ist das wirklich „besseres Diabetes-Management“?

Was ist ein gutes Diabetes-Management?

Niedrige Blutzuckerwerte werden online häufig als Zeichen besonders guter Kontrolle dargestellt. Hohe Werte gelten schnell als vermeidbar oder als Ausdruck mangelnder Disziplin. Der Blutzucker darf nur in Ausnahmefällen hoch sein, wenn man sich mal was gegönnt hat, krank war oder unterwegs essen musste - und es darf ja nicht zu häufig vorkommen.Diese Erzählung ist verständlich – aber sie ist gefährlich verkürzend. Denn Unterzuckerungen sind kein harmloses Gegenstück zu hohen Werten. Sie sind genauso ernst zu nehmen.

Die Gefahr von Unterzuckerungen

Ich habe selbst erlebt, wie sehr häufige Low’s den Alltag einschränken können. Phasenweise reichte schon die kleinste körperliche Anstrengung: den Müll aus dem dritten Stock hinunterzubringen, kurz etwas aufzuräumen – und ich rutschte in eine Hypoglykämie.
In solchen Momenten war ich sofort „außer Gefecht“. Nicht krank, nicht überfordert – sondern schlicht unterzuckert.

Was dabei oft unterschätzt wird: Regelmäßige Unterzuckerungen beeinträchtigen nicht nur die körperliche Sicherheit, sondern auch das Wohlbefinden. Im Sommer nach der Geburt meiner Tochter war ich durch das Hormonchaos, Stillen und die Hitze oft von Hypos betroffen. Sie machen müde, unkonzentriert, unsicher, Heißhunger und daraus folgende hohe Werte sind die Folge. Sie nehmen Energie, Selbstvertrauen und Spontaneität. Und sie können dazu führen, dass man sich im eigenen Alltag ständig zurücknimmt, aus Angst vor dem nächsten Low, zumindest war das bei mir so. Ich hatte Angst, alleine Auto zu fahren, mit meiner Tochter einzukaufen oder auf den Spielplatz zu gehen.

Sicherheit geht vor Perfektion

Für mich war deshalb immer klar: Sicherheit geht vor Perfektion. Ich habe Unterzuckerungen bewusst vermeiden wollen – auch wenn das bedeutete, zeitweise etwas höhere Werte zu akzeptieren. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Verantwortung mir selbst gegenüber.

Hohe Werte über längere Zeit sind problematisch, keine Frage. Aber niedrige Werte sind nicht das „richtige“ Gegenstück. Sie sind kein Qualitätsmerkmal für gutes Diabetes-Management. Wenn unser Alltag regelmäßig durch Low’s eingeschränkt wird, dann ist das kein Erfolg – sondern eine Belastung.

Vielleicht müssen wir als Community anfangen, unser Verständnis von „guten Werten“ zu erweitern. Weg von „je niedriger, desto besser“ und hin zu einem Umgang mit Diabetes, der sicher ist – und lebbar.

Denn Diabetes ist kein Wettbewerb. Und stabile Lebensqualität ist genauso wichtig wie ein schöner Sensorverlauf.

Valentina Lukic

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