Bevor ich diagnostiziert wurde, muss ich ehrlicherweise zugeben, dass ich mir so gut wie keine Gedanken darüber gemacht habe, ob ich während des Trainings Kohlenhydrate zuführen muss oder welche Auswirkungen das Training allgemein und die verschiedenen Arten des Trainings (z.B Sprints und Intervalle beim Schwimmen oder beim Rennrad fahren) auf mein Wohlbefinden und meinen Blutzucker (BZ) haben werden.
Das war nach der Diagnose nun auf einmal anders. Nun schwebte ständig das Gespenst des Unterzuckers über meinem Kopf. Insbesondere während der ersten Einheiten im neuen Fitnessstudio war es für mich sehr schwer, den Fokus gedanklich auf das Training und nicht auf mein Handy zu legen und permanent den Blutzucker zu kontrollieren.
Nun ist mittlerweile schon wieder knapp 1 Jahr ins Land gezogen. Ich konnte mehr Routine entwickeln bzw. es gelingt mir zunehmend besser, den BZ so im Blick zu behalten, dass ich mental loslassen und mich auf das Training konzentrieren kann.
Nachfolgend würde ich gerne meine Hilfsmittel aufzählen, welche mich während des Trainings und vor allem auch danach unterstützen:
- CGM-Sensor: Der Sensor stellt für mich eines der wichtigsten Hilfsmittel dar. Er zeigt mir zuverlässig, welche Reserven an Glukose noch im Körper vorhanden sind, wohin der Trend zeigt und ob ich bei entsprechender Belastung und Intensität noch Kohlenhydrate zuführen muss. (Hierbei ist es mir wichtig zu erwähnen, dass ich vor allem schnellwirksame Kohlenhydrate wie Riegel und Apfelsaft bzw. Gels nutze! Keine Fruktose oder komplexe Kohlenhydrate, welche sehr langwierig verstoffwechselt werden und so eher weniger geeignet sind, um einer Unterzuckerung vorzubeugen.)
Ich habe insgesamt 2 Hersteller ausprobiert und trage nun einen Sensor, der mich beim Sport super unterstützt. Auch unter Belastungen wie bei starker Schweissbildung während des Trainings/ Sports, Temperaturunterschiede, Wasser oder bei Höhenunterschieden (z.B. beim Bergsteigen) hatte ich bislang keinerlei Schwierigkeiten und konnte mich immer auf die Werte verlassen, die der Sensor mir lieferte.
- Smartphone/ Smartwatch: Den Sensor nutze ich in Kombination mit meinem Smartphone. Ausserdem habe ich daran noch eine Smartwatch gekoppelt, die mir ebenfalls die Werte des Sensors liefert. So kann ich während des Trainings das Smartphone meistens in der Hosentasche lassen und zuverlässig mit der Uhr prüfen, welche Tendenz mein Blutzucker gerade nimmt. Zusätzlich kann ich mit Hilfe der App des Herstellers 2 unterschiedliche Aktivitätsprofile einstellen (mit den entsprechenden Schwellenwerten), so dass mich beide Systeme rechtzeitig warnen, sollte ich kurz vor einer Unterzuckerung oder einer Überzuckerung stehen.
- Erfahrung: Für mich stellt die Erfahrung fast das wichtigste Tool in dieser Liste dar. Unter anderem deshalb, weil man sie nicht einfach käuflich im Laden erwerben kann oder kurz bei einem großen Onlineversand bestellen. Gleichzeitig ist sie so wertvoll, weil sie für mich mit die wichtigste Stellschraube auf dem Weg hin zu einem erfolgreichen Training darstellt. Damit meine ich nicht unbedingt, dass, wie in meinem Fall, maximal viel Gewicht bewegt werden kann oder innerhalb kürzester Zeit viele 7000er Berggipfel. Für mich ist sie deshalb so wichtig, weil sie mir dabei hilft, langfristig selbstbewusst mit meinem Diabetes umzugehen. Sie hilft mir auch in Momenten, in denen ich keinen Erfolg habe oder dann doch etwas schiefgeht (wie z.B eine Unterzuckerung nach der Cardioeinheit nach dem Training). Durch diese Momente habe ich gelernt (und lerne immer noch), mich zu hinterfragen, zu überlegen, was ich verändern kann oder woran es gelegen haben kann, dass z.B. nach dem Sport der Blutzucker steigt. Habe ich zu wenig Insulin gespritzt als ich die Mahlzeit hinterher gegessen habe? Oder zu viele KH während des Trainings zugeführt, ohne mich entsprechend zu bewegen oder zu spritzen? Sollte ich beim nächsten Mal vielleicht doch lieber die Apfelschorle mit Wasser stärker vermengen? Solche und andere Fragen stelle ich mir dann und kann dadurch dann auch den Erfolg, wenn es mir beim nächsten Mal besser gelingt, ganz anders genießen.
- Bauchgefühl: Neben der Erfahrung für mich das andere wichtige Tool. Über die Jahre, seitdem ich Sport treibe, habe ich ein ganz gutes Bauch- bzw. Körpergefühl entwickelt, auf das ich mich verlassen kann. Mein Körper meldet mir zuverlässig zurück, ob ich gut mit ihm umgehe oder ob ich vielleicht das zusätzliche Gewicht beim Bankdrücken sein lassen sollte, wenn ich eh schon am Limit meiner Kraft angekommen bin. Auch was meinen Blutzucker angeht, kann ich mittlerweile ganz gut einschätzen, wohin die Reise geht. So weiß ich mittlerweile ganz gut, ob die Werte meines Smartphones mit dem Kribbeln im Arm oder dem Schwindelgefühl einhergehen oder ob ich vielleicht doch noch einmal das Training unterbrechen und „blutig“ messen sollte, um auf Nummer sicher zu gehen.
- Medien und Literatur: Ich bin sehr glücklich und dankbar dafür, dass ich in einer Zeit lebe, in der es mir ein Leichtes ist, anhand von Webseiten, Internetforen und vor allem Büchern und Erfahrungsberichten mir Informationen anzueignen, welche mir sonst verborgen bleiben würden. Dabei lege ich meinen Fokus nicht ausschließlich auf den Diabetes. Auch in der Sportwissenschaft gibt es unzählige wichtige Bücher und Forschungen über Ernährung, Ernährungsweisen, Zusammenhänge zwischen der Belastungssteuerung und dem Bedarf an Kohlenhydraten, und, und, und. Zusätzlich kann ich außerdem durch Youtube oder Podcasts Unterhaltungen und Gesprächen zu vielen Themen zuhören und mir so ein umfassendes Bild machen.
- Der Austausch mit anderen: Das direkte und persönliche Gespräch mit anderen Menschen, die ebenfalls die Diagnose Typ 1 ihr Eigen nennen ist für sehr wertvoll. Innerhalb der letzten 1,5 Jahre habe ich ganz unterschiedliche Menschen kennenlernen dürfen, die ebenfalls vor dieselben Herausforderungen gestellt sind wie ich - und das ebenfalls jeden Tag aufs Neue. All diese Gespräche taten mir gut, denn es macht Mut und gibt Zuversicht, wenn man weiß, dass man nicht alleine ist und das andere Menschen ebenfalls diesen Weg gehen. Und gerade dann, wenn etwas nicht so hinhaut, wie ich mir das vorstelle, ist es gut, wenn ich mit anderen darüber sprechen kann und so auch die negativen Gefühle meistens relativ schnell wieder verschwunden sind.
Dieses Thema ist mir sehr wichtig. Daher habe ich diesen Text auch ein wenig ausführlicher als sonst verfasst. Allerdings sind meine Gedanken und Ideen zu den jeweiligen Unterpunkten immer noch stark verkürzt. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir Rückmeldung dazu gebt, was ich geschrieben habe, und wir auch gemeinsam in den Austausch kommen. Es interessiert mich sehr, wie SportlerInnen und Sportler das Training gestalten und welche Sportarten ihr ausübt.
Bis dahin viele Grüße von mir
David Marquardt

