Wir haben Sarah gefragt, wie sie mit ihrem Diabetes umgeht. Hier ihre Antworten:
Seit wann hast du Diabetes, wie wurde er festgestellt?
Ich habe seit dem 15. Februar 1996 Typ-1-Diabetes. Ich war damals dreieinhalb Jahre alt. Festgestellt wurde er über die typischen Symptome wie starken Durst und häufiges Wasserlassen. Beim Kinderarzt wurde dann ein Zuckerspiegel von über 500 mg/dl festgestellt. Danach war ich mehrere Wochen im Krankenhaus, und ab diesem Moment war Diabetes ein fester Teil meines Lebens.
Hast du damals schon Handball gespielt? Was waren deine ersten Gedanken?
Nein, Handball zu spielen habe ich erst später angefangen, ungefähr 1999.
Wie war das erste Jahr nach Diagnose? Was hat sich für dich verändert? Was war nicht mehr möglich? Wo hast du aber auch Positives erfahren?
Das erste Jahr war vor allem für meine Familie eine riesige Umstellung. Plötzlich musste alles geplant werden: Essen, Insulin, Blutzucker messen, Unterzuckerungen erkennen. Für meine Eltern war das sicher viel belastender als für mich selbst, weil sie die Verantwortung tragen mussten.
Für mich hat sich verändert, dass vieles nicht mehr komplett spontan möglich war. Essen, Bewegung, Krankheit oder Aufregung hatten plötzlich Auswirkungen. Trotzdem wurde mir nicht vermittelt, dass ich wegen Diabetes weniger tun kann. Das war rückblickend sehr wichtig.
Positiv war, dass ich früh gelernt habe, Verantwortung für mich zu übernehmen und meinen Körper gut kennenzulernen. Ich glaube, das hat mich bis heute geprägt.
Wie ist es heute? Wo schränkt dich dein Diabetes ein? Wo bereichert er?
Ich habe inzwischen eine Insulinpumpe und einen Sensor, aktuell mit einem Closed-Loop-System. Das hilft mir enorm, aber es nimmt mir das Management des Diabetes nicht komplett ab. Ich muss trotzdem planen, reagieren, korrigieren und im Sport sehr genau auf meinen Körper achten.
Er schränkt mich vor allem in der Spontanität ein. Ich kann nicht einfach Sport machen, ohne vorher an meinen Blutzucker, Insulin, Essen oder meinen Blutzucker zu denken. Auch mental ist es manchmal anstrengend, weil Diabetes nie wirklich Pause macht.
Gleichzeitig hat er mich auch geprägt. Ich glaube, ich bin dadurch disziplinierter, reflektierter und belastbarer geworden. Ich kenne meinen Körper sehr gut und habe gelernt, auch in schwierigen Momenten Lösungen zu finden.
Was war deine schönste Erfahrung/dein schönstes Erlebnis im Leistungssport mit Diabetes?
Eine der schönsten Erfahrungen ist eigentlich, dass ich trotz Diabetes über viele Jahre leistungsorientiert Handball spielen konnte/kann. Ich stand in höheren Ligen im Tor, war Auswahlspielerin in der Pfalz und in Rheinland-Pfalz und durfte sportlich sehr viel erleben.
Für den ganz großen nächsten Schritt war ich irgendwann wahrscheinlich einfach zu klein — aber der Diabetes war nicht das, was mich gebremst hat.
Besonders schön ist für mich heute auch, wenn Kinder oder Jugendliche mit Diabetes sehen: Man kann trotzdem Sport machen, auch intensiv. Dies ist vielleicht nicht immer unkompliziert, aber es ist möglich.
Was war der blödeste Moment mit Diabetes? Wo stand dir der Diabetes im Weg?
Die blödesten Momente sind die, in denen der Diabetes genau dann dazwischenfunkt, wenn man funktionieren möchte. Zum Beispiel vor oder während dem Sport, wenn der Blutzucker plötzlich nicht passt. Eine Unterzuckerung auf dem Spielfeld oder rund ums Training ist einfach nervig, weil man mental bereit ist, aber der Körper gerade nicht mitmacht.
Auch hohe Werte durch Stress oder Adrenalin im Spiel können frustrierend sein. Dann weiß ich: Ich habe eigentlich alles richtig gemacht, aber der Körper reagiert trotzdem anders als geplant.
Wie ist es heute? Gibt es für dich Einschränkungen?
Ja, es gibt Einschränkungen, aber sie bedeuten nicht, dass ich Dinge nicht machen kann. Ich muss mich nur mehr vorbereiten. Beim Handball muss ich überlegen: Wann esse ich? Wie viel Insulin ist noch aktiv? Stöpsle ich die Pumpe ab? Wie verhalte ich mich bei Adrenalin? Habe ich schnelle Kohlenhydrate dabei?
Im Alltag ist es ähnlich. Reisen, Sport, Krankheit, lange Tage oder Stress brauchen mehr Planung. Aber ich würde nicht sagen, dass Diabetes mein Leben bestimmt. Er begleitet mich. Manchmal laut, manchmal leise.
Was möchtest du Kindern mit Diabetes auf den Weg geben?
Ihr seid nicht weniger wert, nicht weniger sportlich und nicht weniger belastbar, nur weil ihr Diabetes habt. Ihr müsst vielleicht mehr planen als andere, aber ihr könnt trotzdem euren Weg gehen.
Wichtig ist: Lernt euren Körper kennen. Sprecht offen über Euren Diabetes. Schämt euch nicht für Sensor, Pumpe, Messen oder Unterzuckerungen. Diabetes ist ein Teil von euch, aber er ist nicht alles, was euch ausmacht.
Ich bin sehr gerne Vorbild, weil ich weiß, wie wichtig es sein kann, jemanden zu sehen, der einen ähnlichen Weg geht. Gerade so ein Handball-Diabetes-Tag ist dafür unglaublich wertvoll: für Austausch, Zusammengehörigkeit und das Gefühl, nicht allein zu sein.
Es geht nicht darum zu sagen, dass immer alles leicht ist. Vielmehr geht es darum, zu zeigen, was trotz Diabetes möglich ist. Dass man Sport machen kann. Dass man Leistung bringen kann. Dass man Teil eines Teams sein kann. Und dass Diabetes einen nicht davon abhalten muss, groß zu träumen.
Und: Es wird nicht jeder Tag perfekt laufen. Das ist normal. Ein schlechter Wert macht euch nicht schlecht.
Wie war deine Schwangerschaft mit Diabetes, was musstest du beachten?
Meine Schwangerschaft mit Diabetes war medizinisch sehr eng begleitet. Die Blutzuckerwerte mussten sehr genau kontrolliert werden, weil ich nicht mehr nur für mich verantwortlich war, sondern auch für einen neuen kleinen Menschen. Das war eine enorm anstrengende und mental belastende Zeit.
Man hört in der Schwangerschaft natürlich noch genauer auf den eigenen Körper, aber mit Typ-1-Diabetes kommt nochmal eine zusätzliche Ebene dazu: Werte, Insulin, Essen, Bewegung, Trends, Korrekturen — und immer der Gedanke, dass alles auch Auswirkungen auf das Baby haben kann.
Gleichzeitig muss ich sagen, dass mir mein Pumpensystem in dieser Zeit enorm geholfen hat. Meine Werte waren in der Schwangerschaft so gut wie nie. Das hat mir viel Sicherheit gegeben und vieles einfacher gemacht.
Am Ende ist die Schwangerschaft dann in einer Schwangerschaftsvergiftung verlaufen, also einer Präeklampsie. Ob das direkt mit dem Diabetes zusammenhing, ist nicht klar. Meine Tochter kam sieben Wochen zu früh. Das war keine einfache Zeit, aber rückblickend bin ich sehr dankbar, dass wir gut betreut waren.
Auch wenn meine Werte heute wieder etwas angestiegen sind, fühle ich mich insgesamt wieder besser. In der Schwangerschaft war die Einstellung zwar sehr streng und gut, aber mental war das einfach eine extreme Belastung.
Leistungssport und Diabetes: Wie sieht dein Alltag aus? Hast du einen Lifehack für die Kids?
Mein Alltag besteht viel aus Vorbereitung. Vor dem Training oder Spiel schaue ich auf meinen Sensorwert, den Trendpfeil, das aktive Insulin und darauf, wann ich zuletzt gegessen habe. Beim Handball spielt auch Adrenalin eine große Rolle. Manchmal steigt dadurch der Blutzucker eher, obwohl man Sport macht.
Mein Lifehack wäre: Nicht nur auf den aktuellen Wert schauen, sondern auf den Trend. Ein Wert von 120 kann super sein — oder kritisch, wenn der Pfeil stark nach unten geht. Und ich habe immer schnelle Kohlenhydrate griffbereit. Nicht irgendwo in der Tasche ganz unten, sondern wirklich erreichbar. Für Sport ist außerdem wichtig: Erfahrungen sammeln! Was passiert bei Training? Was passiert im Spiel? Was passiert bei Aufregung? Daraus lernt man mehr als aus jedem Lehrbuch.
Was denkst du, wäre an deinem Leben anders, wenn du keinen Diabetes hättest?
Ich glaube, mein Leben wäre spontaner und mental leichter. Ich müsste nicht ständig im Hintergrund mitdenken. Sport, Essen, Reisen oder Krankheit wären weniger kompliziert.
Fühlst du dich durch den Diabetes benachteiligt?
Manchmal ja. Es wäre unehrlich zu sagen, dass Diabetes nie unfair ist. Andere können zum Training gehen, spielen, essen oder schlafen, ohne groß darüber nachzudenken. Ich muss oft vorher planen, und trotzdem kann es passieren, dass der Blutzucker nicht mitspielt.
Aber ich versuche, mich nicht dauerhaft als benachteiligt anzusehen. Ich habe Einschränkungen, ja. Aber ich habe auch gelernt, damit umzugehen. Für mich ist entscheidend, dass ich Diabetes nicht als Ausrede benutze, aber auch nicht so tue, als wäre es immer leicht mit ihm.
Wurdest du schon mal wegen Diabetes gemobbt? Was hat dir da geholfen?
Nein, tatsächlich habe ich wegen meines Diabetes nie schlechte Erfahrungen gemacht — und dafür bin ich sehr dankbar. Ich wurde in der Schule, im Sport oder in Mannschaften nie ausgeschlossen oder benachteiligt.
Im Gegenteil: Die meisten waren eher interessiert. Sie wollten wissen, was ich da mache, wie die Pumpe oder das Messen funktioniert und was bei einer Unterzuckerung passiert.
Ich glaube, das hatte auch viel mit meinem eigenen Umgang damit zu tun. Ich war immer recht selbstbewusst mit dem Thema. Ich habe den Diabetes nie unnötig an die große Glocke gehängt, aber ich habe darüber gesprochen, wenn es wichtig war. Und ich habe - trotz Diabetes - Leistung gezeigt.
Das ist auch etwas, das ich Kindern mit Diabetes mitgeben möchte: Ihr müsst euch nicht verstecken. Ihr müsst nicht jedem alles erklären, sondern dürft selbstbewusst damit umgehen. Diabetes macht euch nicht weniger leistungsfähig oder weniger wertvoll.
Vielen Dank, Sarah Medler, für die offenen Antworten!
Die Fragen hat Anica Towae gestellt.



