Ich laufe in mein Sprechzimmer und weiß eigentlich nichts über meine nächste Patientin. Eine Frauenärztin hatte um einen dringenden Termin einer Schwangeren in meiner diabetologischen Schwerpunktpraxis gebeten, da sich bei meiner neuen Patientin mit insulinpflichtigem Diabetes mellitus bei nicht optimaler Stoffwechsellage Komplikationen eingestellt hatten.
Vor mir sitzt eine junge Frau. Hochschwanger. Sie ist gerade einmal 17 Jahre alt. Sie kommt allein. Ihre Stoffwechsellage ist mit einem HbA1c von 7,8 % nicht gut, sie hat einen Bluthochdruck entwickelt.
Von der Gynäkologie zur Erwachsenendiabetologie
Im Gespräch erfahre ich dann einiges. Meine noch so junge Patientin ist seit ihrer Kindheit an einem Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt. Sie war bis zur Schwangerschaft, die in ihrem Alter verständlicherweise nicht geplant war, von einem Kinderdiabetologen betreut gewesen. Sie wurde mit einer Insulinpumpe im AID-Modus eingestellt, obwohl es für ihr Modell in der Schwangerschaft keine Zulassung gab. Sie schien nichts über Zielwerte und besondere Situationen bei Schwangeren mit Diabetes mellitus zu wissen, sondern erhielt den Auftrag, sich nun in der Erwachsenendiabetologie vorzustellen.
Dazu kam es leider erst in der 32. Schwangerschaftswoche, da die Gynäkologin dazu gedrängt hatte.
Irgendwie hatte meine Patientin ihren Diabetes in dieser Zeit selbst gemanagt und dafür, dass sie keine „berufliche“ Diabetesspezialistin ist, hat sie das sehr gut gemacht!
Es lag nun an mir, sie zu begleiten, Schlimmstes zu verhindern, aber auch ihr die Freude auf das Baby und das Muttersein zu bewahren!
Wie der Übergang zur Erwachsenendiabetologie aussehen könnte und sollte
Ich sage es gleich vorweg. So sollte eine Transition von jungen Erwachsenen mit Diabetes mellitus in die Erwachsenendiabetologie nicht erfolgen. Doch muss ich zugeben, dass diese krasse, ja unvorbereitete Form leider kein Einzelfall ist.
Ich war dankbar und froh, als Anica Towae mich bat, für den DBW einen Artikel zu diesem Thema aus Sicht der Diabetologin für erwachsene Menschen mit Diabetes zu schreiben.
Als Ärztin ist es mir wichtig, dass ich selbst den ersten Kontakt zu meinen Patienten habe und diese auch im Verlauf mit meinem Team immer wieder persönlich betreue. Bin ich es doch, die für alle späteren Entscheidungen medizinisch die Verantwortung trägt, bin ich es doch, die Gutachten erstellen und Anfragen von Versicherungen beantworten muss.
Kommunikation ist notwendig und wichtig
Was ich mir wünsche, ist Kommunikation zwischen uns Ärzten oder auch zwischen unseren Beratern und Beraterinnen.
Ich selbst nutze beim ersten Besuch gerne die Zeit außerhalb der geregelten Sprechstunden, da wir dann Zeit haben, uns kennenzulernen und viele Fragen zu beantworten.
Ein Anruf, ein Arztbrief des zuvor behandelnden Kinderdiabetologen mit Informationen zur aktuellen Therapie, zu Begleiterkrankungen, der Krankengeschichte von Allergien bis hin zu Operationen, Informationen zur sozialen Anamnese, psychische Begleiterkrankungen, der Akzeptanz der Diabeteserkrankung und auch Lernschwächen, sind so immens wichtig.
Einen Termin im Voraus von der kinderdiabetologischen Praxis aus auszumachen kostet nicht viel Zeit, doch verhindert er unter Umständen Jahre, in denen junge Menschen mit Diabetes nicht fachärztlich versorgt werden und in denen diesen Patienten modernste Therapieoptionen womöglich vorenthalten werden.
In meinem näheren Umfeld macht dies nur ein Kollege und ich bin ihm dankbar dafür.
Gemeinsame Treffen, vielleicht Vorstellungen der Erwachsenendiabetologen bereits in den für Kinder und Jugendlichen angebotenen Schulungen, Stammtische und Selbsthilfegruppen können eine weitere Möglichkeit sein, uns kennenzulernen.
Den Ersttermin gerne in Begleitung der Eltern
Eltern geben, diabetologisch gesehen, ihr wertvollstes Gut, nämlich ihre Kinder in die Hände anderer Menschen ab, und sie wünschen, dass es ihnen gut ergeht. Ich schätze es, wenn Eltern ihre jugendlichen Kinder zu ihrem ersten Termin bei mir begleiten. Zeigt es mir doch, ob sie aus einem behüteten- und das meine ich im positiven Sinn- Elternhaus stammen oder ob sie unter Umständen ihren Diabetes alleine stemmen müssen. Ich erhalte wichtige Informationen über die Erstmanifestation der Erkrankung und die allgemeine Krankengeschichte meiner noch jungen Patientinnen und Patienten.
Als Ärztin und Diabetologin möchte ich Ihre Kinder anleiten, verantwortungsbewusste Menschen für ihren Körper und ihre Gesundheit zu werden. Ich kann ihnen den Diabetes nicht nehmen, doch kann ich sie gemeinsam mit meinem Team begleiten und ihnen zeigen, sich selbst ihr bester Arzt zu werden und ein erfülltes Leben zu führen. Wenn sie es möchten, können Ihre Kinder englische Premierministerin oder Deutscher Olympiasieger werden!
Autorin: Petra Werkmeister
Die Sicht einer Mutter und einer Kinderdiabetologin findet ihr hier: Transition - wenn Kinder mit Diabetes erwachsen werden
Wie es eine junge Erwachsene erlebt hat, findet ihr hier: Transition - von der Kinder- zur Erwachsenendiabetologie
Die Sicht einer Diabetesberaterin für Kinder/Jugend findet ihr hier: Transition in die Erwachsenendiabetologie

